Commodore 64

Auf diese Artikelserie habe ich mich schon lange gefreut, wusste aber bisher nicht wie ich sie aufbauen kann.

Vor einigen Jahren auf einem Klassentreffen in den Münchner Voralpen hatte eine damalige Mitschülerin kleine Zettel von einem Ratespiel der dritten Klasse dabei.
Auf diesen Zetteln sollten wir einen Mitschüler beschreiben und wir Kinder sollten dann erraten wer da beschrieben wurde. So wie in der Grundschule lief das dann auch auf dem Klassentreffen.
Die Zettel wurden vorgelesen, und man musste erraten wer beschrieben wurde. Auf einem Zettel Stand: Mit seinem Computer kennt er sich aus wie kein anderer, aber einen Kamm besitzt er nicht.
„Kindermund tut Wahrheit kund“ und das kann schmerzhaft sein. Da stehe ich drüber, und alle wussten sofort wer gemeint ist denn es hat mich in der Tat perfekt beschrieben.

Schätzungsweise irgendwann 1983 oder 1984 kam mein Paps mit einem Karton nach hause. Darin befand sich ein Commodore 64 auch liebevoll „Brotkasten“ genannt.

Inklusive Commodore 1530 Datasettenlaufwerk.

Die Daten oder in meinem Fall die Spiele wurden akustisch auf einer Musikkassette abgespeichert. Dieser Punkt ist wichtig, denn an dieser Stelle kam ich das erste mal mit dem Verfahren des Frequency Shift Keying (FSK) oder in deutsch Frequenzumtastung in Berührung. Dazu später mehr.
Dieser C64 wurde zusammen mit einem Bildschirm der gefühlt so groß war wie eine Briefmarke traditionell bei uns auf dem Küchentisch aufgebaut, bis ich Monate später für den Computer in meinem Kinderzimmer einen Schreibtisch bekam.
Das praktische an Datasetten war, das man die Spiele einfach mit einem normalen Kassettenrecorder kopieren konnte.
Das schlechte war, das man nach dem Starten des Ladevorgangs erst mal 30 Minuten warten musste, bis die Daten geladen waren.
Und dann musste man die Datassette auch noch zurück Spulen.
Nachdem bei mir die Begeisterung für Computer groß war, hat mein Paps einige Zeit später einen weiteren Karton mitgebracht.

Das Commodore 1541 Single Drive Floppy Disk Diskettenlaufwerk.
Der Vorteil war das damit die Spiele wesentlich schneller geladen wurden, wobei man trotzdem zwischendurch nen Kaffee kochen konnte.
Der Nachteil war das man gleich zwei davon brauchte, um die Disketten zu kopieren. Also hat mein Paps bald noch ein zweites Laufwerk mit nach Hause gebracht. In Summe waren diese wahrscheinlich teurer als der C64 selbst aber eben ein absolutes „must have“ der damaligen Zeit. Ein weiteres „must have“ aus dieser Zeit war ein technisches Meisterwerk der Ingeneurskunst, das sich nur die Fachkundigen unter den C64 Besitzern leisten konnten. Mit dieser aus heutiger Sicht unglaublichen Entwicklung, konnte man den Speicherplatz einer 5¼″-Diskette sage und schreibe verdoppeln. Der Diskettenlocher!

Zugegebener Weise habe ich als Bub keinen Kaffee getrunken. Trotzdem würden die Ladezeiten von damals die Jugend mal erden, wo ein Update des Betriebssystems zu schlimmsten Beschwerden führt obwohl das schon schneller geht als damals ein Spiel zu laden.

Die Technischen Details des Commodore 64

  • Prozessor: MOS 6510/8500
  • Architektur: 8 Bit
  • Tacktfrequenz: 0,985 MHz (PAL-Version)
  • Speicher: 64 KB RAM, 20 KB ROM
  • Grafik: VIC II
  • Auflösung: 320 × 200 Pixel – 40 Zeichen auf 25 Zeilen in 16 Farben
  • Speichermedien: Kassette 30Minuten a 100kByte, 5¼″-Diskette 164,7 kByte pro Seite
  • DFÜ: Terminal über dataphon s21-23d

Ohhhh … Raubkopien

Nicht das ich zugeben würde illegaler Weise „Sicherheitskopien“ erstellt zu haben…

Wenn man heute über die Blütezeit der Raubkopien liest wird man Wörter wie Napster, eDonkey oder BitTorrent finden, und wie enorm es der Musikindustrie geschadet hat. Um Himmels Willen, hinterlistige Personen haben Musik aus dem Internet geladen, die auch im Radio kam.
Wer zu Zeiten des Commodore 64 und folgend Amiga 500 schon dabei war und sich zurückerinnert weiß, das alles was später kam nur ein laues Lüftchen war. Schätzungen gehen davon aus, das 20 bis 100 Kopien auf ein verkauftes Spiel kamen. Bei manchen Spielen oder Regionen sogar mehr. In Italien Beispielsweise sollen mehr als 99% der Spiele Raubkopien gewesen sein.
Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt das Diskettenhersteller wie Verbatim, Boeder und Maxell selbst Verbindungen 💰 zu Softwareschmieden wie Rainbow Arts hatten um eine Hand über die „geduldete Piraterie“ zu halten. Auch wurden Hardware-Module wie das Final Cartridge ganz offen in Computermagazinen beworben, um „Sicherheitskopien“ zu erstellen.

Programmieren

Das interessanteste waren für mich zu Beginn ganz klar die Spiele. Mit der Zeit hat mich dann das Programmieren in seinen Bann gezogen. Es gab damals die Zeitschrift 64’er in der immer wieder Programme zum lernen und abtippen enthalten waren, zusätzlich zu zahlreichen Informationen und Artikeln. Wen es interessiert kann sich hier mal umschauen

Natürlich gab es auch Haufenweise Bücher. Unter anderem für Commodore Basic V2. Programme sahen dann Beispielsweise so aus:

Commodore BASIC:
10 PRINT CHR$(147); : REM BILDSCHIRM LOESCHEN
20 PRINT "*** WUERFELGENERATOR ***"
30 PRINT
40 W = INT(RND(1) * 6) + 1
50 PRINT "DU HAST EINE"; W; "GEWUERFELT!"
60 PRINT
70 PRINT "NOCHMAL WUERFELN? (J/N)"
80 GET A$: IF A$ = "" THEN 80
90 IF A$ = "J" THEN GOTO 10
100 IF A$ = "N" THEN PRINT "TSCHUESS!": END
110 GOTO 80

Datenfernübertragung (DFÜ)

In den 90ern hat meine Mama mit mir öfters mal Verwandte besucht deren Tochter in meinem Alter war. Der ältere Bruder hatte auch einen Commodore 64 und hatte nach meiner Ansicht viel Ahnung. Bei einem dieser Besuche lag da eine Schachtel mit einem Akustikkoppler rum. Da Michael nichts damit anfangen konnte (oder wollte) hat er mir das Teil kurzerhand geschenkt. Es war ein dataphone in der Ausführung s21-23d/64. Dieses Modell war speziell für den User-Port des C64 vorbereitet, hatte ein passendes Schnittstellenkabel dabei, und als Highlight war noch eine Spezielle Plexiglas-Halterung beigelegt.

Das Verfahren das im Akustikkoppler genutzt wird habe ich oben bereits kurz erwähnt. Es heißt Frequency Shift Keying, und basiert auf exakt dem gleichen Prinzip wie beim Datasettenlaufwerk. Beim Senden werden digitale Zeichen in Töne umgewandelt was sich Modulation nennt, und beim Empfangen werden Töne in digitale Zeichen umgewandelt, also demoduliert. Daher kommt im übrigen auch der Begriff Modem. Nach dem Aufsetzen des Telefonhörers auf das Dataphone

konnte man das Gerät mit etwas Feintuning, Heimweh und viel Rückenwind dazu bewegen Daten mit 1200 Baud im Voll-Duplex Modus zu Übertragen.

Wie funktionierte die „Einwahl“?

An dieser Stelle möchte ich mit einem Gerücht aufräumen, das selbst in Fachkundiger Lektüre und auf sonst professionellen Websites immer wieder Erwähnung findet. Nämlich das Anwählen der Gegenstelle vom C64 aus im deutschen Festnetz mit Standardhardware. Dazu muss man zunächst die Funktionsweise hinter den analogen Telefonen verstehen. Es gibt im Grunde zwei Methoden wie ein analoges Telefon wählen kann.
IWV „Impulswahlverfahren“: hierbei wird der Stromkreis im Telefon Impulsweise geschlossen. Kennt man den richtigen „Tackt“ kann man auch Wählen, indem man die Gabel in der richtigen Geschwindigkeit drückt, was die Vermittlungsstelle auswertet.
DTMF „Mehrfrequenzwahlverfahren: steht für „dual-tone multi-frequency“. Hierbei werden pro Taste zwei Töne mit unterschiedlicher Frequenz zur Vermittlungsstelle geschickt und dort ausgewertet.
Da der Akustikkoppler galvanisch nicht mit dem Telefon verbunden war, war es diesem daher nicht möglich die Impulse zu erzeugen. Dazu kommt noch, das der Hörer ja abgenommen, und auf die Gummimuffen des Akustikkopplers aufgelegt war. Wählen also ausgeschlossen. DTMF wurde Mitte der 1980er Jahre testweise von der Deutschen Post eingeführt, aber etablierte sich erst 1989/90 großflächig als Standard. Hätte man also 1984 tatsächlich schon DTMF in der Vermittlungsstelle gehabt, war es dem Akustikkoppler trotzdem nicht möglich gezielt zwei verschiedene Töne gleichzeitig zu erzeugen und damit zu wählen, da es in der Elektronik fürs Frequency Shift Keying nicht vorgesehen war. Zu guter Letzt wurde der AT-Befehlssatz, auch bekannt unter dem Namen Hayes-Standard zwar schon 1981 in den USA eingesetzt, konnte aber von den Akustikkopplern nicht verarbeitet werden. Es gab ab 1981 schon Modems die eben jenes Verfahren beherrschten, wie eben das Hayes Smartmodem 300, aber eben keines für den C64. So setzt sich zwar die Basis des Hayes Standards wie folgt zusammen:

  • AT = Attention (Achtung, es folgt ein Befehl)
  • D = Dial (Wählen)
  • T = Tone (Tonwahlverfahren / Mehrfrequenzwahlverfahren)

Konnte aufgrund der Gegebenheiten aber damals noch nicht eingesetzt werden. Ebenso wenig wie ATDP wobei das P für Pulse, also Impulswahlverfahren steht, sollte dieser Einwand kommen. Denn selbst wenn CCGMS 1983/84 schon Hayes konnte, schlichtweg das erste richtige Modem mit AT Befehssatz für den C64 erst 1987 mit dem Commodore 1670 kam. Vorher hat Commodore auf das eigene Wählverfahren mit PEEK und POKE gesetzt.

Es sind auf jeden Fall ziemlich viele wenn’s. Es gab also keine Hardware von der Stange die das konnte, und wenn war es eine Bastellösung. Damit will ich keinesfalls sagen das das etwas schlechtes ist. Es wäre auch ein schönes Projekt für mich gewesen.

Kurzum, man nahm den Hörer ab, wählte die Nummer per Hand, wartete auf den Pfeifton und drückte den Hörer auf die Gummimuffen.
Hier ist bei vielen wohl der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen!

Was konnte man mit diesen Modems damals überhaupt machen?

Anders als häufig (auch von mir) erwähnt, konnte man sich damit NICHT mit BTX verbinden.
BTX steht in der heutigen Zeit Symbolisch für das damalige „Internet“ so wie heute alle Taschentücher als Tempos bezeichnet werden.
Tatsächlich war BTX „Bildschirmtext“ das offizielle System der Deutschen Bundespost.

Man kann es sich als eine Art Videotext vorstellen. Jede Seite hatte eine feste Nummer zu der man navigieren konnte. Nur mit spezieller von der Post zugelassener Hardware konnte man sich mit BTX verbinden.
Wenn man sich ausschließlich die Anzahl der Zeichen pro Zeile und die Zeilenanzahl von 40×24 anschaut könnte man meinen, das es für den C64 problemlos möglich gewesen sein müsste BTX darzustellen. Schaut man sich aber die Details an, wird sofort klar warum es eben nicht ging. Ein BTX Zeichen hat 12×10 Pixel wodurch eine benötigte Bildschirmauflösung von 480×250 Pixel resultiert. Zum einen konnte der C64 nur 320×200 Pixel. Zum anderen konnte man keine 12×10 Pixel Matrix in eine 8×8 Pixel Matrix reinquetschen. Wenn also heute von BTX geredet wird, ist in den allermeisten Fällen BBS gemeint. Das Bulletin Board System war im Prinzip der Vorgänger des heutigen Internets. Wie der Begriff schon sagt, war die Kernfunktion das „Board“. Ein Forum in dem man sich mit anderen Usern austauschen also auch Nachrichten hinterlassen konnte. Weil es keiner besser wusste hat man auch in Deutschland einfach Mailbox dazu gesagt. Das war eigentlich nicht richtig, denn das BBS konnte viel mehr. Beispielsweise konnte man Daten hoch oder herunterladen. Spiele Online laden, oder sich mit einem anderen Spieler Verbinden um ein Spiel zu zweit zu spielen, und noch mehr… Später gab es ein neues System für E-Mails welches diese über Mailboxen verteilten. Und genau an dieser Stelle entstand der Konflikt. Es hat keiner mehr Mailbox gesagt wenn er über BBS redete. Und da es damals noch nicht für alles DEnglische Wörter gab war als Ersatz dafür das gute BTX der Deutschen Bundespost gerade recht.

Also wie war das Damals mit dem Bulletin Board System?

Eine Person, der sogenannte System Operator (SysOp) hat ein BBS gehostet. Dieser Host war über ein oder mehrere Modems mit dem Telefonnetz verbunden. Auf den Host konnten sich immer nur soviele User verbinden wie es Leitungen/Modems gab. Also meistens nur ein User. War besetzt musste man es später wieder probieren. Eigentlich war es immer gut wenn besetzt war, denn telefonieren war sünd teuer. Und wenn man nicht von einer Telefonzelle aus telefonierte, wusste man gar nicht so recht was es genau gekostet hat. Damals wurden nicht der Preis pro Minute verrechnet, sondern genau andersrum. Es gab eine feste Kosteneinheit von 20 Cent (wegen der Telefonzellen). Abhängig davon wohin man telefonierte und zu welcher Uhrzeit hat die Vermittlungsstelle dann einen Tackt ans Telefon geschickt. In der Telefonzelle ist dann der nächste 20er reingefallen. Zuhause hat man es garnicht mitbekommen.
Hatte man also das Pech, und die Leitung war frei, konnte man sich nach belieben auf dem BBS rumtreiben, mit dem SysOp chatten oder eben die beschriebenen Funktionen nutzen.

Die Grafik war genial, aber der Informationsgehalt auf 99% der Boards war nicht so berauschend. Multiplayer Spiele waren selten und außerdem war es viel zu teuer. Aus heutiger Sicht konnte man also nicht wirklich viel damit anfangen.

War man allerdings auf den richtigen Boards konnte man sich ein Telefonverzeichnis der Interessantesten BBS-Telefonnummern herunterladen. Oder aller BBS-Telefonnummern. Über mehrere Stunden so über Nacht, und musste diese auch gleich ausdrucken. Auf anderen Boards gab es spezielle Tools die man heute als Cyber-Security-Tools bezeichnen würde und konnte diese dort herunterladen. Und auf wieder anderen Boards gab es Informationen die, sagen wir mal nicht für die Allgemeinheit bestimmt waren. Und damit wurde es so richtig interessant.
Nehmen wir mal an man liest eine Telefonnummer die durch das weglassen sämtlicher Informationen indirekt als Superinteressant gekennzeichnet ist, und nehmen wir in diesem rein fiktiven Szenario weiter an das Systeme damals ausschließlich über Passwörtern gesichert waren. Hätte man also damals diese Telefonnummer angerufen, wäre eine Eingabemaske erschienen zum Eingeben eines Passworts. Hätte man dann eine dieser Cyber-Security-Tools benutzt die man heute als Brute-Force bezeichnen würde, hätte ein kleiner Junge ein paar Stunden später festgestellt das er auf dem BBS einer bestimmten namhaften Firma ist, und dort eine Weiche verstellen kann. Theoretisch!

Anm. d. Red.

Im zarten Alter von 13 Jahren musste ich 1988 leider das gesamte C64 System inklusive Drucker und vieler Diskettenboxen verkaufen, um Geld für den Amiga 2000 flüssig zu machen. Dieser hat den C64 abgelöst aber das ist eine andere Geschichte. Übrig geblieben sind nur 2 Disketten und der Akustikkoppler, mit dem die Käufer anscheinend nichts anfangen konnten oder wollten.

Disketten heißen übrigens im Original Floppy-Disk. „floppy“ übersetzt man im allgemeinen mit schlaff oder schwabbelig, weshalb wir früher Schwabbelscheiben dazu gesagt haben.

Da ich keine Bilder von meinen Commodore Geräten habe und um keine Bildrechte zu verletzen, habe ich mir alle Bilder in diesem Beitrag die einen weißen Hintergrund haben von Gemini erstellen lassen.

Die zwei Screenshots des Oasis BBS sollen einen Eindruck davon vermitteln wie BBS damals aussah. Dazu später mehr.

Da ich das Retro Feeling beim 64’ern spüren wollte, habe ich mir einen emulierten Commodore 64 auf einen vorhandenen Raspberry Pi 3B+ installiert. Auch dazu später mehr.

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