Ich freue mich Reißig über die große Resonanz bezüglich meiner Commodore 64 Reihe. In diesem Beitrag möchte ich auf ein paar Kommentare eingehen die ich erhalten habe. Interessanterweise waren es fast ausschließlich Anmerkungen zum Thema BTX.

Berechtigterweise wurde ich darauf hingewiesen, das man mit dem 64er damals anders als von mir geschrieben doch im BTX unterwegs sein konnte.
JA, das stimmt. Wenn man das allerdings so ganz ohne den passenden Kontext betrachtet, könnte ich auch behaupten, mein Junior kann Autofahren, weil er ein Matchbox-Auto über den Teppich schiebt.

Folgend möchte ich die zwei Möglichkeiten erklären wie man mit dem 64er im BTX unterwegs sein konnte, und erläutern warum meine Sichtweise eine andere ist.
Die erste Möglichkeit war die Softwarelösung. Man benötigte das Terminalprogramm „64er online BTX“ oder alternative Software-Decoder. Zudem brauchte man einen BTX-Vertrag mit der Post, die die Telefonnummer für BTX freischaltete. In den frühen Jahren gab es noch keine Teilnehmerkennung und kein Passwort für Privatkunden – und die Mitbenutzernummer kam erst Jahre später. Wenn man also ohne ein hardwarecodiertes, zertifiziertes Post-Gerät ins BTX wollte, ging man auf eine passende C64-BBS. Dort besorgte man sich die BTX-Software. Wo es die Software gab, gab es im Board meistens auch Telefonnummern (z. B. von Firmen), die einen aktiven BTX-Vertrag hatten. Oder man merkte sich einfach die Telefonnummer des örtlichen Radio- und Fernsehgeschäfts. Die hatten zumeist einen Vorführanschluss der Bundespost, um dem Publikum die neue Technik vorzuführen. Nun startete man das Terminalprogramm. Bei der Nummer der BTX-Vermittlungsstelle bin ich mir nicht mehr sicher: Man wählte die „190“ oder „0190“ und wartete wie üblich auf das Carrier-Pfeifen. Dann drückte man den Hörer auf den nicht von der Bundespost zugelassenen Akustikkoppler, wodurch die Verbindung stand. In der erscheinenden Eingabemaske tippte man die Telefonnummer gefolgt von # ein und war damit im BTX.
Hier fing das Drama an: Die Post wich vom Standard-Zeichensatz ANSI/ASCII ab und verwendete stattdessen CEPT – einen in Europa mit zwölf Partnerländern entwickelten Standard, der die Bedürfnisse der Postmonopole dieser Länder erfüllen sollte. Ein typischer Fall von Behörden-Overengineering. CEPT beinhaltete Buchstaben, Zahlen und Steuerzeichen, die kein Problem darstellten; diese konnten problemlos vom Decoder-Programm auf PETSCII übersetzt werden. Leider beinhaltete CEPT auch Grafikelemente: sogenannte Mosaik-Grafikbausteine, die aus einer 2×3-Pixel-Matrix bestanden und mit denen die Inline-Grafik zusammengebaut wurde. Um das in einem Decoder-Programm zu übersetzen und die Einzelzeichen sowie Mosaike in der Summe von 480 auf 320 Pixel zu skalieren, fehlte dem C64 schlicht die Rechenleistung. So passten die Seiten nicht und man konnte zumeist nur Teile des Textes lesen. Und wenn man den Text lesen konnte, verschoben die enthaltenen Grafikelemente die gesamte Seite ins Unleserliche. Also nichts mit BTX – zumindest war es nicht vernünftig nutzbar.
Die zweite Moglichkeit war ein Cartridge Modul.

Dazu kann ich nur in der Theorie etwas sagen, denn ich war selbst nie Besitzer eines solchen. Es müsste 1985 gewesen sein, das Commodore an Loewe herangetreten ist und in Kooperation das LOEWE TBD 641 oder auch Commodore 606485 entwickelt hat. Das war ein Cartridge über das der 64er befähigt werden sollte ins BTX zu kommen. Nun war es so, das dieses Modul ein eigenständiger Computer war. Es hatte einen eigenen Prozessor, einen eigenen RAM, ein eigenes ROM, und vor allem einen eigenen Grafikchip „TDA 2630“ der die 480×240 Pixel für BTX nativ darstellen konnte. Es benötigte sogar ein zweites Standard C64 Netzteil. Der Commodore 64 war im Prinzip nur noch eine teure Tastatur. Die Entwicklung und vor allem die Probleme die LOEWE damit hatte das Gerät bei der Bundespost zuzulassen, sorgten dafür das es zu einem Preis von ~1000 DM verkauft wurde. Weiter liest man, das dieses Modul wohl eine Fehlkonstruktion war, da es so schwer war das der Brotkasten einfach nach hinten weggekippt ist. Beworben wurde es dann als „BTX für alle“, was natürlich in einem Flopp endete.

Auch der 1987 in Kooperation mit Siemens entwickelte Nachfolger „BTX-Decoder-Modul II“ fand kaum Abnehmer. Wen wunderts.
Meiner Ansicht nach kann in diesem Fall nicht davon gesprochen werden, das man mit dem C64 im BTX war. Das war nicht der C64 denn diesen konnte man nicht mehr nutzen sobald das Cartridge reingesteckt war. Es steckte ja nicht mal mehr das Anzeigegerät am 64er.
BTX der Vorgänger des Internets
Meine Meinung das ehr das „BBS-Netzwerk“ der Vorgänger des Internets ist und ich BTX ehr als eine Art Online Videotext betrachte, hat mir eine harsche Kritik eines Aufmerksamen Lesers eingebracht.
BTX als Vorgänger des Internets zu bezeichnen, ist historisch und semantisch falsch. Das Internet basiert auf der Idee der internationalen, dezentralen Vernetzung und bildet die Basis für das grenzenlose World Wide Web. BTX war durch das Post-Monopol national kastriert. Es war ein zentral geschlossenes, auf Deutschland beschränktes Post-Inselnetz. Dadurch war es kein Vorläufer des Internets, sondern eine digitale Sackgasse der Postgeschichte.
Eine Glorifizierung oder nachträgliche Umdeutung von Fanboys ähm, und Girls ändert nichts an den Tatsachen.
Bankraub auf Knopfdruck
Die Bundespost begann 1983 damit, BTX flächendeckend einzuführen. Sie bewarb das System als absolut manipulationssicher und pries es als perfekte Plattform für sensible Anwendungen wie Online-Banking an.

Die Aktivisten des damals noch sehr jungen Chaos Computer Clubs, insbesondere die Gründer Wau Holland und Steffen Wernéry, sahen das Monopol der Post und deren vollmundige Sicherheitsversprechen extrem kritisch.
Im Herbst 1984 stießen die beiden auf einen schwerwiegenden Programmfehler im BTX-System: Wenn man den Speicherplatz für Eingaben durch eine Überlänge absichtlich überlastete (Buffer Overflow), stürzte das System nicht einfach ab, sondern gab scheinbar wirre Daten aus dem internen Speicher auf dem Bildschirm aus. Darunter befanden sich eine Nutzerkennung und ein Passwort im Klartext. Es handelte sich dabei um die geheimen BTX-Zugangsdaten der Hamburger Sparkasse (Haspa).
Das damalige BTX-System erlaubte kostenpflichtige Inhaltsseiten. Der CCC richtete eine eigene Seite ein, deren Aufruf den damals maximal erlaubten Gebührensatz von 9,97 DM kostete. In der Nacht vom 16. auf den 17. November 1984 loggte sich ein automatisiertes Skript mit den Haspa-Zugangsdaten unermüdlich immer wieder in das System ein und besuchte die teure CCC-Seite. Holland und Wernéry lagen zu dieser Zeit schon im Bett.
Am nächsten Morgen hatte das Programm die Seite zehntausende Male aufgerufen. Die Haspa war um exakt 134.694,70 DM ärmer, und die Summe wurde dem Konto des Chaos Computer Clubs gutgeschrieben. Am 19. November 1984 präsentierten die Aktivisten den Fall medienwirksam und gaben das Geld vollständig zurück.
Das Image des Vorzeigeprojekts der Bundespost war damit nachhaltig beschädigt. Der Chaos Computer Club wurde über Nacht landesweit berühmt und etablierte sich als ernstzunehmende, warnende Instanz für IT-Sicherheit in Deutschland.